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Zum Schmunzeln

Betriebssportgemeinschaft DESY

Zum Schmunzeln

 

 

Die Todesspirale im Kantienenanbau

 

"Dann wollen wir das Ganze doch mal zur Musik versuchen", wirft der Tanzlehrer (Name bekannt) mit fragendem Unterton in die Runde, als hielte er es tatsächlich für möglich, dass jemand protestiere. Sekunden später schweben die ersten Paare über das frisch versiegelte Fischgrätparkett, die verständnisvolle Stimme Eros Ramazottis begleitet meine ersten kläglichen Tanzbemühungen. Sechs keineswegs komplizierte Schritte, dazu eine Vierteldrehung – die Theorie des Langsamen Walzers kommt beeindruckend schlicht daher. Unsere Ausführung allerdings auch.
 
Während meine gleichermaßen unerfahrene Partnerin und ich noch bemüht sind, Gliedmaßen und Gedanken neu zu sortieren, um einen weiteren Anlauf zu nehmen, hat sich der Anleiter herangeschlichen und starrt hoffnungsvoll auf unsere Füße. Der Tanzlehrer ist ein echter Profi; nicht nur, weil er vor einigen Jahren sein liebstes Hobby zu seinem Beruf gemacht hat und nun entgeltlich Gruppen wie diese in die hohe Kunst des Tanzens einweist. Vielmehr verrät er sich durch die irritierende Eigenart, stets ein Lächeln im Gesicht zu tragen. Auf eine sehr charmante und glaubwürdige Art jedoch. Nur ganz entfernt erinnert er dabei an jene kuriosen Kreaturen, die man gelegentlich bei Tanzsportübertragungen im Fernsehen bestaunen darf. Die nur noch aus Zähnen und Schminke zu bestehen scheinen und mich bis zum heutigen Tag geschreckt haben, je eine Tanzstunde zu besuchen. "Das sieht doch schon ganz gut aus. Jetzt noch ein wenig auf den Takt achten", erkennt der Mann im hellen Pullover zumindest unseren guten Willen an, ehe er milde lächelnd zum nächsten korrekturbedürftigen Paar schreitet.
 
Am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY), dem bundesweit größten Forschungszentrum für Teilchenphysik, schaut man normalerweise sehr viel genauer hin. Mehr als 1300 Mitarbeiter sind im Westen Hamburgs damit beschäftigt, im Dienste der Wissenschaft einen reibungslosen Betrieb der verschiedenen Teilchenbeschleuniger zu ermöglichen und neue Erkenntnisse über den Mikrokosmos zu gewinnen. Am späten Mittwochnachmittag aber bietet die Betriebssportgemeinschaft des DESY allen interessierten Mitarbeitern die Möglichkeit, gemeinsam das Tanzbein zu schwingen. In "geselliger Atmosphäre und ohne Leistungsdruck", verspricht die Homepage. Einen Tanzlehrer müssen die Teilnehmer selbst organisieren, den Raum stellt dann der Arbeitgeber. Seit acht Jahren trifft man sich nun schon regelmäßig im "Kantinenanbau" – bereits der schmucklose Name zermalmt die letzten romantisch verklärten Vorstellungsbilder eines festlichen Ballsaals.
 
Unterschiedlicher könnte die Tanzerfahrung der Anwesenden kaum sein. Einige Paare tanzen schon ein Leben lang, andere sind gerade jämmerlich an ihrem ersten Standard gescheitert. "Eigentlich geht es nur darum, dass man sich mal bewegt. Und vielleicht nebenbei auch ein paar neue Leute kennen lernt", erklärt der Organisator (Name bekannt) des Tanzkreises. 15 Personen verschiedensten Alters haben heute den Weg in den großen Raum neben der Kantine gefunden, dazu die beiden kleinen Kinder des Organisator, die sich allerdings herzlich wenig für Fußtechnik oder Tanzhaltung interessieren und lieber fernab der Tanzfläche spielen, während ihre Eltern übers Parkett wirbeln.
 
Schließlich erlöst der Tanzlehrer uns aus unserer Walzer-Not. "Versuchen wir einmal etwas anderes, den Cha Cha Cha!" Die Prozedur ist die gleiche wie schon beim Tanz zuvor. In zwei Reihen stehen sich Damen und Herren gegenüber und vollziehen zunächst die Schrittfolge nach, die der Mann mit der vorbildlichen Körperhaltung langsam vorführt. Der zweite Tanz liegt mir besser. Von den koordinierten Bewegungen unserer Schuhe fasziniert bewegen meine Partnerin und ich uns wenig später durch den Raum, diesmal sogar ansatzweise in jenem Rhythmus, den die quäkende Musikanlage vorgibt – wir scheinen also eher die lateinamerikanischen Typen zu sein. Gut zu wissen.
 
Nach einer knappen Stunde wird eine kurze Verschnaufpause angeordnet. Erst in diesem Moment registriere ich, dass sich auf meiner Stirn ein dünner Schweißfilm gebildet hat. Eine der Teilnehmerinnen hatte offensichtlich Geburtstag und zaubert nun effektvoll einen selbstgebackenen Sandkuchen aus einem Plastikbeutel, dazu wird Sekt in Einwegbechern gereicht. Der gesellige Teil der Tanzstunde beginnt. So erfahre ich vom Lehrer, dass momentan Salsa sowie der Tango Argentino die angesagtesten Tänze seien. Dass er im Anschluss gleich zum nächsten Verein müsse. Dass neben den Grundlagen im Kantinenanbau des DESY natürlich auch anspruchsvolle Turnierfiguren eingeübt werden, allerdings ohne den Ehrgeiz, damit je vor einen Wertungsrichter zu treten. "Im Paso Doble sollten wir einmal eine derart komplizierte Figur tanzen, dass wir uns schließlich geweigert haben. Die Todesspirale…", raunt mir eine der langjährigen Teilnehmerinnen leise zu und die kleine Runde bricht in wissendes Gelächter aus, bevor die Pause schließlich endet.
 
"Zwei, Drei, Cha Cha Cha. Zwei, Drei, Cha Cha Cha." Vielleicht ist es auch ein wenig dem Sekt geschuldet, mein absoluter Lieblingstanz gelingt jedenfalls immer flüssiger. Nach knapp 90 Minuten habe ich erstmals den Mut, mich in der Bewegung umzuschauen. Unterschiedlich elegant, jedoch durchgängig mit einem beneidenswerten Ausdruck der Glückseligkeit in den Gesichtern, tanzt das Personal des DESY, wo sonst mürrische Physiker ihren Espresso zu sich nehmen. Viele von ihnen werden in diesem Moment gedanklich an schöneren Orten verweilen, vielleicht auf jener Tanzfläche, über die sie erstmals ihre heutige Partnerin geschoben haben. Andererseits, so unsympathisch ist der Anbau der Kantine auch nicht. Ich spiele zumindest ernstlich mit dem Gedanken, am kommenden Mittwoch erneut dort aufzutauchen.
 

Eine Geschichte von Christian

Januar 2006